Es scheint so leicht zu sein. Eine Welt zu erschaffen, die so reich ist wie die in Monstress, aber dahinter steckt harte Arbeit, die man nur selten wirklich sieht. Selbst gestandene Autoren, die schon Dutzende Romane und Comics geschrieben haben, können eine Welt wie diese nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Auch Marjorie Liu fiel es nicht leicht, und das umso mehr, weil sie unterschätzt hatte, wie massiv die Herausforderung war, der sie sich stellte.
Sie wusste, dass ihre Geschichte episch sein würde. Ihr war auch klar, dass sie sich mit den unterschiedlichsten Themen auseinandersetzen wollte, aber erst im Verlauf der Arbeit erkannte sie wirklich, wie umfangreich die Arbeit an ihrer Serie sein würde. Alles musste in sich stimmig sein, die Figuren, die Welt, die Geschichte – und dazu war es nötig, dass die Autorin alles immer wieder restrukturierte und in den Details noch filigraner gestaltete, wobei ihr Gespräche mit ihrem Freund, aber auch mit ihrer Kollegin Sana Takeda halfen.
Die beiden Frauen hatten schon bei der Marvel-Serie X-23 zusammengearbeitet und suchten nach einem Projekt, das ihnen nicht nur alle Freiheiten ließ, sondern das auch ihnen gehörte. Das Ergebnis ist Monstress, das in den USA zu Image gebracht wurde und in Deutschland über Cross Cult verlegt wird.
Eine Welt aus Blut und Feuer
Monstress spielt in einer alternativen Welt. Einem Asien der Art-Deco-Schönheit und des Steampunk-Horrors, in dem das Matriarchat herrscht. Einst lebten die die Menschen und die Arcanics in Ko-Existenz, seit langem herrscht jedoch Krieg. Die mit magischen Fähigkeiten versehenen Arcanics können unterschiedliche Form annehmen. Manche sehen jedoch auch wie Menschen aus. Das bewahrt sie aber nicht vor den Cumea, einem Orden der Zaubererinnen, die hinter den magischen Wesen her sind, da sie sie Stück für Stück verzehren und so deren Macht in sich aufnehmen.
Im Mittelpunkt der Handlung steht die 17-jährige Maika Halfwolf, die sich in die Höhle des Löwen begibt, weil sie nach Antworten sucht. Sie will wissen, was mit ihrer Mutter passiert ist – und sie will sich an jenen rächen, die sie ihr nahmen.
Das ist nur der Auftakt zu einer epischen Geschichte, die in ihrer Tragweite und Größe durchaus mit Game of Thrones vergleichbar ist. Auch wenn es gerade auch bei der Herangehensweise an die Figuren deutliche Unterschiede gibt. Denn die Welt von Monstress gehört den Frauen. Im ersten Band tauchen kaum Männer auf – und die, die es tun, sind nur Randfiguren ohne jedwede Relevanz.
Frauen sind in George R.R. Martins Welt häufig das Opfer von Vergewaltigung. Aber sie sind keine Opfer, da sie stärker als das sind, was man ihnen entgegenwirft. In der Beziehung sind die Frauenfiguren in Monstress ähnlich. Liu ging es aber vor allem darum, mit Konventionen zu brechen.
Gängiger Weise sind Frauenfiguren in Fantasy- oder postapokalyptischen Geschichten häufig in der Unterzahl. Es ist eine Welt der Männer, in der Frauen in Archetypen eingeteilt sind. Die harte Kämpferin, die Schurkin und dergleichen mehr. Liu wollte mit dieser Tradition brechen. Sie hat nicht nur eine Welt erschaffen, die fast nur von Frauen belebt ist, sondern auch eine, in der sie die unterschiedlichsten Rollen annehmen, ohne dass eine Erklärung dafür vonnöten wäre. Es ist einfach der Status Quo, der dem Leser jedoch auffällt. Weil er daran gewöhnt ist, das genaue Gegenteil zu bekommen, weswegen dieser Paradigmenwechsel auffällt, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gibt.
Menschlichkeit bewahren
Liu fand überall Inspiration für ihre Geschichte, sieht die Genese jedoch in ihrer eigenen Großmutter. Lius chinesische Großeltern sprachen oft über den Zweiten Weltkrieg. Wie sie überlebten und was sie dafür tun mussten. Aber es ging in ihren Erzählungen nicht nur um den Krieg, sondern auch um das, was danach kam. Was Liu besonders im Gedächtnis haften blieb, waren jedoch weniger die Erzählungen als vielmehr die Fotos aus jener Zeit. Sie zeigen ihre Großmutter – lachend, strahlend, unendlich positiv. Nichts an diesen Aufnahmen hätte vermuten lassen, was diese Frau in jenen Kriegsjahren durchgemacht hatte.
Mehr als alles andere ist das der Kern von Monstress. Denn Liu fragte sich, was es braucht, um die eigene Menschlichkeit zu bewahren, wenn man derart viel erlitten hat, wenn man dehumanisierende Erlebnisse verarbeiten musste. Liegt das einzig an der eigenen Stärke, ist das eine Frage des Charakters oder sind es vielleicht auch die Freunde, die einen umgeben? Über all das dachte Liu nach und machte dies zu einem der Hauptthemen ihres Epos.
Aber es ist längst nicht das einzige. Sie verarbeitet hier alles, was sie seit langem beschäftigt. So untersucht sie mit ihrer Geschichte auch einen Teil ihrer eigenen Historie, wenn sie sich damit befasst, wie es ist, als gemischtrassige Person zwischen zwei Kulturen zu leben.
Man kann Monstress aber auch auf einen Kommentar auf die heutige, auf die amerikanische Gesellschaft sehen. Der Comic spricht darüber, wie es ist, in einer Welt zu leben, in der man nur normal existieren möchte, die aber aufgrund der eigenen Identität gefährlich ist. Ein Arcanic kann aussehen wie ein Mensch, und wird doch wie ein Tier behandelt, wenn die Cumea seiner habhaft werden. Liu kommentiert hierbei das Lebensgefühl vieler Farbiger in den USA, macht dies aber innerhalb eines phantastischen Kontexts, in dem dies leichter ist – weil alles in Richtung Metaphorik geht.


