Zwischen 2003 und 2008 schufen Tobias O. Meißner und Reinhard Kleist mit BERLINOIR eine düstere Comictrilogie. In ihrem abgeriegelten Berlin haben Vampire das Sagen, Menschen werden in Lagern als Blutlieferanten gehalten. Gegen die Herrscher formiert sich Widerstand. Das ist ebenso Horrorgeschichte wie politische Parabel, in der Ausbeutung eine ziemlich handfeste Bedeutung bekommt. Die Disney+-Miniserie CITY OF BLOOD greift diese Welt auf, setzt aber früher an. Eine direkte Umsetzung der Vorlage sollte man deshalb nicht erwarten.
Nach einer Pandemie ist das Land in Kleinstaaten zerbrochen. Berlin vermittelt immerhin noch den Eindruck geordneter Verhältnisse, während eine konservative und eine populistische Partei um die Macht kämpfen. Zwischen Wohlstand und Elend liegen hier Welten. Das wissen auch die Schwestern Bea und Phoebe, die seit 15 Jahren getrennte Wege gehen. Weil Bea auf eine Spenderniere angewiesen ist, braucht sie Phoebes Hilfe. Doch bevor operiert werden kann, verschwindet ihre Schwester. Ein Vampirclan hat sie entführt.
Unterdessen arbeitet ein vermögender Blutsauger daran, die politischen Verhältnisse zu seinen Gunsten zu verändern. Sein Kontakt zu einem populistischen Politiker soll den Vampiren eine Zukunft ermöglichen, in der sie nicht länger vom Bluthandel abhängig sind …
Eine Comicverfilmung, die erst einmal deren Vorgeschichte entwickelt, ist schon eine eigenwillige Entscheidung. Philipp Kadelbach und Elena Lyubarskaya interessiert offenbar, wie eine Gesellschaft überhaupt an den Punkt gelangen kann, an dem BERLINOIR beginnt. Die politische Dimension müssen sie dafür nicht neu erfinden. Schon die Vorlage erzählt von Unterdrückung, Macht und Gegenwehr. CITY OF BLOOD verbindet diesen Ansatz mit der Klimakrise und dem Erstarken der Populisten. An Gegenwartsbezügen mangelt es also nicht.
Das gibt der Geschichte mehr Substanz, als eine reine Blutsaugerserie vermutlich gehabt hätte. Die Bezeichnung „Vampir“ spart man sich übrigens vollständig. Nur sorgt der inhaltliche Anspruch noch nicht dafür, dass die Erzählung über acht Folgen trägt. Dafür nimmt sie zu viele Umwege, verteilt ihre Aufmerksamkeit auf zu viele Figuren und braucht insgesamt zu lange, um voranzukommen.
Ausgerechnet Bea und Phoebe bleiben dabei hinter den Schurken zurück. Ob Politiker oder Vampir, die Gegenspieler haben mehr zu bieten als die Schwestern, deren Verbundenheit kaum spürbar wird. Weniger und kürzere Episoden hätten hier vermutlich einiges bewirkt.
An der Umsetzung gibt es dagegen wenig auszusetzen. Ausstattung, Kamera und Regie können international problemlos mithalten. Billig wirkt hier nichts. Auch beim Ensemble wurde geklotzt: Von Lea Drinda als Bea bis zu Lars Eidinger als oberstem Blutsauger versammelt die Serie bekannte Gesichter aus mehreren Schauspielergenerationen.
CITY OF BLOOD macht es sich mit seiner ausgedehnten Erzählweise unnötig schwer. Die politischen Entwicklungen halten das Interesse dennoch wach, zumal die Serie hervorragend aussieht. Das ergibt ordentliche Unterhaltung, die aus ihrer Vorlage und ihren eigenen Ideen allerdings mehr hätte machen können.



