Die Faszination Chinas hat auch den westlichen Comic nicht unbeeinflusst gelassen – auch abseits der typischen Klischees, die damit einhergehen, so etwa die Messer schwingenden Betreiber von Wäschereien, wie es sie in Morris‘ Comics zuhauf gab, oder den typischen Verkörperungen der Gelben Gefahr, die querbeet durch alle Medien heraufbeschworen wurde.

Gerade in den Comics, die vor und  nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg erzählt wurden, war die Gelbe Gefahr aber keine, die aus China kam. Die Japaner wurden – oftmals mit rassistischen Stereotypen gezeichnet – zu den Schurken zweiter Wahl (die erste waren immer noch die Nazis). Mit Chinas Weg zum Kommunismus änderte sich dies, in den Comics umschiffte man das jedoch mehrheitlich, wurden Geschichten doch häufig in längst vergangener Zeit angesiedelt.

Gerade im frankobelgischen Raum hat man sich des Öfteren mit China befasst, aber historischen Kontext gewählt. Eine der schönsten Serien ist zweifelsohne Die Abenteuer von He-Pao, die von 1988 bis 1996 in fünf Bänden beim alten Splitter Verlag erschien. In Frankreich gab es noch weitere Bände und eine Nachfolge-Serie.

Künstler Vink erzählt in sich abgeschlossene Geschichten von He-Pao, einer starken Frau, die sich von niemandem etwas sagen lässt und deswegen auch in Schwierigkeiten gerät. In gediegenen Farben gehalten, lebt die Serie auch von ihren Texten, die so wirken, als hätte Vink sich außerordentlich stark mit Konfuzius befasst.

In Thierry Robins China Rot wird dem Leser eine europäische Identifikationsfigur geboten. Henk, der Sohn eines europäischen Kaufmanns, verliebt sich in eine anmutige Prinzessin – beide erleben ein phantastisches Abenteuer mit mythologischen Wesen. Vier Bände umfasst die Geschichte, die ersten zwei Alben erschienen bei Ehapa in den Jahren 1993 und 1994, die weiteren ließ man fallen, um 1997 gleich eine Gesamtausgabe zu publizieren.

Robin, der schon immer ein Faible für China und die Drachen-Legende hatte, war inspiriert von Filmen wie A Chinese Ghost Story oder Der letzte Kaiser, entwickelt aber eine eigenständige Geschichte, die den Kontrast zwischen europäischem Abendland und fernöstlichen Mythen sehr schön herausarbeitet.

Schon 1989 erschien der erste Band von Franz‘ Serie Die Tochter des Lichts, von der Carlsen bis 1993 drei weitere Ausgaben folgen ließ. Die Serie spielt zu Zeiten Attilas, als in China die Tang-Dynastie herrscht. Die Hauptfigur ist die 17 Jahre alte Chinesin Yulien, die Tochter des Lichts, die nach dem Tod des Vaters als Prostituierte verkauft wird, aber fliehen kann, woraufhin sie verschiedenste Abenteuer erlebt, immer auf der Hut vor Männern, denn ein Frauenleben war damals nicht viel wert.

Nachdem Carlsen die Serie nicht fortsetzen wollte, übernahm Arboris unter dem Titel Tochter des Lichts und veröffentlichte die Bände 5 bis 9 von 2000 bis 2006. Eine Neuauflage des ersten Bandes gab es dabei auch.

Mit China befasste sich auch Ignatius in seinem Comic Pilger Mu, der in der Edition Schangrila erschien. Außerdem ließ Roger Leloup seine japanische Heldin Yoko Tsuno häufiger Abenteuer in China erleben, Mora-Parras befasst sich in Die Rostfreien – Kreuzfahrt der verlorenen Mädchen mit dem Menschenhandel zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Hugo Pratt zeigte in Abenteuer einer Jugend, wie es Corto Maltese in jungen Jahren in Fernost ergangen ist.

Bemerkenswert ist Die Kriminalfälle des Richters Di aus der Arboris-Serie Mord und Totschlag, der im Jahr 2000 erschien. Der von Dick Matena umgesetzte Comic basiert auf einem chinesischen Roman aus dem frühen 17. Jahrhundert, der von Robert van Gulik ins Niederländische übersetzt wurde und so erfolgreich war, dass der 1957 gestorbene Autor auch neue Geschichten verfasste. Matena war von dieser fasziniert, gibt es in China doch die Tradition des literarischen Detektivs – und das lange, bevor Arthur Conan Doyle seinen Sherlock Holmes erfand.

Richter Di hat es wirklich gegeben. Er lebte von 630 bis 700 in der Tang-Dynastie und war nicht nur Richter, sondern auch Ermittler. In der chinesischen Kriminalliteratur tritt er häufig auf, hierzulande ist er praktisch unbekannt. Das macht Matenas Comic umso interessanter, weil er Einblick in ein Stück Kriminalliteratur gewährt, die abseits üblicher Schwert- und Kung-Fu-Geschichten existiert.

Von Peter

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