Tatsächlich verschlechterte sich die Situation zusehends, bis sie 1954 mit der Publikation von Werthams Buch Seduction of the Innocent ihren Höhepunkt erreichte. Wertham war fanatisch in seinem Ansinnen, die Öffentlichkeit zu warnen und die Kinder zu schützen. Dabei waren es nicht nur Comics, die er verabscheute, auch das Fernsehen bezeichnete er „Schule der Gewalt“ und erklärte weiter: „Sollte ich jemals einem jungen Gangster in einer dunklen Gasse begegnen, dann hoffe ich, dass er nicht Bonnie und Clyde gesehen hat.“

Wertham hatte einen Schuldigen ausgemacht. Wenn Kinder auf die schiefe Bahn gerieten, dann konnte das nicht Ergebnis ihrer Erziehung oder der sie umgebenden Lebensumstände sein, es musste ein Einfluss von außen sein. Damit war er Vorläufer einer noch heute gängigen Praxis. Ein Schuldiger wird immer gefunden: Waren es früher Comics, wurden diese schließlich vom Fernsehen abgesetzt, dann kamen die Horrorfilme, zurzeit sind es die „Killerspiele“. Und morgen? Wer weiß, aber irgendeinen Sündenbock wird man schon finden.

Sein Buch traf jedoch einen Nerv – und das, obwohl es wissenschaftlich betrachtet Humbug war. Was die meisten über Jahre hinweg vermutet hatten, belegte Carol Tilley im Jahr 2010. Sie untersuchte Werthams ursprüngliche Forschungsergebnisse und fand heraus, dass dies weitestgehend manipuliert, übertrieben, in manchen Fällen auch erfunden waren. Seine Schlussfolgerungen hatten keinerlei Basis, wie Tilley in ihrer Arbeit Seducing the Innocent: Fredric Wertham and the Falsifications That Helped Condemn Comics ausführte.

Die Auswirkungen, die sie 1954 hatte, waren jedoch immens. Sie veränderten das Bild der Comics auf nachhaltige Art und Weise und sorgten dafür, dass die Zeit des EC-Horrors enden musste.

Dass es Wertham bei der Präsentation seiner Fakten nicht so genau nahm, konnte man auch bei der Anhörung sehen, in der er sich dahingehend äußerte, dass es gerade zu jener Zeit einen Comic an den Kiosken gab, der Rassen-Intoleranz predigte. William Gaines hörte auf, als er das hörte, denn es handelte um eines seiner Hefte, auf die sich Wertham bezog.

Gaines erklärte: „Ich bin froh, ihn bei einer Halbwahrheit erwischt zu haben. Er sagte, dass es einen Comic gibt, der Rassen-Intoleranz predigen würde. Damit bezieht er sich auf eines meiner Hefte. Was er sagte, soweit, wie er es sagte, ist durchaus wahr. In diesem Heft tauchen Worte wie Spik oder dreckiger Mexikaner auf, aber Dr. Wertham hat Ihnen nicht mitgeteilt, worum es in dieser Geschichte geht. Dies ist eine von vielen Geschichten, die darauf ausgelegt sind, die Bösartigkeit von Rassenvorurteilen und Hexenjagden anzuprangern, in diesem Fall die auf mexikanische Katholiken. Frühere Geschichten in derselben Reihe befassten sich mit Antisemitismus, Rassismus gegen Schwarze, die bösen Folgen von Drogenmissbrauch und das Entstehen von Jugendkriminalität. Dies ist eine der am brillantesten geschriebenen Geschichten, die ich je die Freude hatte zu veröffentlichen. Ich bin sehr stolz darauf und nun zu sehen, wie sie auf schändliche Weise missbraucht wird, macht mich wütend. Ich bin sicher, Dr. Wertham kann lesen, und er muss die Geschichte gelesen haben, damit er hier sagen konnte, was er sagte.“

Gaines sah – und das zu Recht – seine Comics als Trägermedien, die positive Botschaften enthielten, das aber nicht moralinsauer und mit dem Holzhammer, sondern organisch in die Geschichte eingebettet. Bei der Anhörung versuchte man dennoch, diese Sicht der Dinge in ihr Gegenteil zu verkehren. Das Argument war, dass ebenso wie positive auch negative Botschaften übermittelt werden können. „Indem wir unseren Punkt sehr sorgfältig darbieten, so dass die Leser ihn wahrnehmen müssen, auch wenn es sicherlich ein paar wie Dr. Wertham gibt, die das nicht erkennen können“, konterte Gaines, war aber letztlich schon auf verlorenem Posten.

Diese Anhörung hatte ein Ziel: Einen Sündenbock zu finden. Hoffte Gaines vielleicht darauf, mit vernünftigen Männern auch vernünftig reden und eine differenziertere Sicht der Dinge bieten zu können, so verflog dies schnell. Stattdessen musste er erkennen, dass er dem Feindbild der hier agierenden Ausschussmitglieder ein Gesicht gegeben hatte. War der Horror-Comic zuvor eine Art amorphes Wesen, dessen Gefahr eher theoretisiert werden konnte, so hatte man nun mit Gaines einen Mann, der damit gutes Geld verdiente und guten Geschmack auf eine sehr eigenwillige Art und Weise definierte (siehe auch das Gaines-Interview in dieser Ausgabe). Er war im Grunde die Personifikation dessen, was nach meiner dieser Herrschaften schlecht war.

Gaines wusste, dass auf die Comic-Industrie harte Zeiten zukamen. Er wollte darum proaktiv werden und rief ein Treffen mit anderen Verlagen ein. Gegründet wurde so die Comics Magazine Association of America und damit auch die Comics Code Authority. Aber der CCA war weit rigoroser als es die Regularien der alten Association waren. Gaines weigerte sich darum auch, der Association beizutreten, zumal der Code vorgab, dass die Worte „Horror“, „Terror“ oder „Weird“ nicht mehr in Serien-Titeln enthalten sein durften, was im Grunde den Großteil des EC-Programms betraf.

Fortsetzung folgt morgen.

Von Peter

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