In Peter Milligans Kopf nahm die Idee zu The Discipline über viele Jahre hinweg Gestalt an, beginnend zu einer Zeit, als er noch jung war und sich am Rande einer geheimen Gesellschaft wähnte, die sich in den Schatten bewegt und Sex als transformatives Mittel einsetzt. Zumindest gaukelte ihm seine Phantasie vor, dass es eine solche Gruppe sein musste. Die Auswüchse eines jungen, fiebrigen Verstands, die vergessen wurden, aber wieder zurückkehrten. Milligan, der schon mit The Extremist ähnliche Themen beackert hatte, war davon fasziniert, diese Idee genauer zu untersuchen und herauszufinden, wohin seine Phantasie ihn tragen würde.

Eigentlich war The Discipline als ein Projekt für Vertigo gedacht. Dort hatte Milligan über die Jahrzehnte hinweg einige Geschichte platziert und ein ideales Umfeld gefunden. Seine neueste Idee erschien aber sogar den Vertigo-Machern zu gewagt. Vielleicht auch deswegen, weil sich der DC-Imprint in den letzten Jahren schon deutlich verändert hat. Er wurde, wenn man das so sagen will, zahmer, weniger innovativ und auch weniger mutig. Aber immerhin war es Vertigo-Editor Will Denis, der Milligan den Zeichner Leandro Fernandez empfahl. Ihre erste gemeinsame Arbeit war die bei Vertigo erschienene Miniserie The Names, bei der eine Frau herausfinden will, wieso ihr Mann Selbstmord begangen hat.

Milligan war sofort klar, dass er in Fernandez den idealen Partner für das hatte, was ihm mit dieser Geschichte vorschwebte.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 23-jährige Melissa Peake. Sie ist reich verheiratet, ihr Mann ignoriert sie jedoch weitgehend, während ihre Schwester ihr wegen ihres Reichtums Vorwürfe macht. Abgesehen von einer Freundin hat Melissa keine Vertraute, weswegen sie ihre Gedanken und Gefühle mit ihrem Hund Hemingway teilt.

Sexuell und emotional unerfüllt, sucht sie jeden Tag das Museum auf und starrt eines der Bilder des spanischen Künstlers Goya an. Es zeigt einen Satyr, der eine wollüstige Schönheit besteigt.

Just in diesem Moment spricht Orlando sie an. Er beginnt ein Spiel der Verführung, streng nach den Regeln der Discipline, eines uralten, nichtmenschlichen Ordens, der sich seit Jahrtausenden einen Kampf mit ihrem Gegenstück, den Stalkers, liefert. Nun soll Melissa zu einem Mitglied der Discipline werden, doch je mehr sie sich Orlandos Verführungskünsten hingibt, desto mehr gerät sie auch ins Zweifeln, ob sie sich in diesem Kampf zwischen Gut und Böse auch der richtigen Seite verschreibt.

Milligan war es wichtig, mit Melissa Peake eine echte Frau zu erschaffen. Keine, wie sie ansonsten in der Welt der Comics existiert. Nicht mit breiten Schultern und muskelbepackt, zugleich aber auch mit riesigen Brüsten. In Leandro Fernandez fand er den idealen Komplizen für seine Vision. Er zeichnet Melissa schmal, weiblich, aber nicht überzogen, eben echt. Authentisch.

Beide wollten aber noch weiter gehen. The Discipline ist eine Geschichte, in der sehr viel Sex vorkommt. Es wird, auf gut Deutsch gesagt, sehr viel gefickt. Das aber auf eine Art, die man so in Comics – oder generell in Werken der Popkultur – selten sieht. Milligan und Fernandez nutzen die Nacktheit nicht, um zu schockieren oder zu erregen. Sie setzen sie naturalistischer ein. Der sexuelle Akt in The Discipline ist nicht, wie Peter Milligan in seiner Einleitung erklärt, „aus männlicher pornofixierter Sichtweise erzählt, weil das schlichtweg unverantwortlich wäre“.

Dabei ist Sex ein wichtiger Bestandteil der Geschichte. Mehrheitlich losgelöst vom Gefühl der Liebe, auf den Akt als ritualisierte Form der Machtausübung konzentriert, was durch den Geheimbund, den Milligan ersonnen hat, noch akzentuiert wird. Denn erst durch den Sex erreichen die Rekruten der Discipline ihr volles Potenzial. Milligan greift hier Elemente so genannter Sexualmagie auf und nutzt sie im Kontext seiner okkulten Geschichte.

Für seine Geschichte hat Milligan einen vielfach interpretierbaren Titel gewählt. In erster Linie denkt man an die Disziplin, interessanter sind aber die veralteten Bedeutungen des Begriffs: Zucht, Manneszucht, Zucht und Ordnung.

Begriffe, die zweifelhaft erscheinen, auch und gerade in Hinblick auf die mysteriöse Gruppe, die patriarchalisch aufgebaut ist. Es sind Frauen wie Melissa Peake, die rekrutiert und dann – so muss man das fast lesen – verheizt werden. Ein bisschen schwingt eine leicht misogyne Stimmung bei der Gruppe der Discipline mit, weil ein Aufbegehren, aber auch ein Beharren auf die eigene Individualität unterdrückt werden soll.

Damit gelingt es Milligan nicht nur, die weiblich-feministische Seite seiner Protagonistin perfekt einzunehmen, sondern er erschafft auch eine Geschichte, bei der die Grenzen nicht fließend, sondern schlichtweg nicht zu erkennen sind. Als Leser erlebt man mit, wie sowohl Mitglieder der Discipline als auch der Stalker böse agieren, aber wer von beiden ist nun gut und wer ist böse – oder sind am Ende beide einfach beides?

Nach dieser ersten Geschichte kann man schon erahnen, dass Milligans Plan wohl darin besteht, diesen Konflikt auszuloten, indem er Melissa Peake als eine Art Katalysator nutzt. Ein Problem gibt es dabei jedoch: Die Fortsetzung, die Milligan schon Mitte 2016 in Aussicht gestellt hatte, lässt auf sich warten. Die erste Miniserie mit sechs Heften erschien bis August 2016, seitdem hat man von einer Fortsetzung nichts mehr gehört. Dabei ist das Ende einigermaßen offen, zumindest so sehr, dass die tragende Geschichte nicht beendet ist.

Der Argentinier Leandro Fernandez hat danach Greg Ruckas The Old Guard, das vor kurzem bei Splitter erschienen ist, illustriert. Auch hier soll es eine Fortsetzung geben, so dass sich die Frage natürlich ergibt, wann mit einem zweiten Volume von The Discipline zu rechnen ist, falls es überhaupt jemals kommt. Aber vielleicht wird es ja noch was, da Fernandez sich ohnehin stärker auf eigene Geschichten konzentrieren will, während er in den Jahren zuvor vor allem Marvel-Helden ins rechte Licht gerückt hat.

Der Brite Milligan, der im Mainstream ebenso zuhause ist wie bei den abseitigeren Stoffen, zieht Letzteres ganz klar vor. Das spürt man auch bei The Discipline, das von seiner ungestümen Art, aber auch der Wirkungsweise an filmischen Okkult-Horror der 1970er Jahre erinnert, als Filmemacher begannen, mit Konventionen zu brechen und den Begriff „politisch korrekt“ gar nicht buchstabieren konnten. Das merkt man auch Milligans Werk, das von Fernandez in düster-stimmigen Bildern mit ausdrucksstarken Perspektiven illustriert wurde.

Wichtig sind hier aber auch die Farben von Cris Peter, der die Palette eher dunkel anlegt, aber damit ausgesprochen viel Atmosphäre erzeugt.

Die Geschichte selbst dringt an dunkle Orte vor, ist in sich selbst, aber auch in ihrer manchmal fast schon delirierenden Darstellung schockierend und lässt Obsessionen, aber auch Faszinationen seines Schöpfers erahnen. The Discipline ist vielleicht eine von Milligans persönlichsten Arbeiten, weil sie so lange in ihm gereift ist und er Themen, die er schon vor mehr als 20 Jahren in The Extremist aufgegriffen hat, noch stärker forcieren kann. Zugleich hatte er zu diesen Themen noch anderes zu sagen, weswegen sich eine neue Geschichte auftun musste.

Von Peter

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