{"id":12904,"date":"2026-01-18T17:48:18","date_gmt":"2026-01-18T16:48:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/?p=12904"},"modified":"2026-01-18T17:48:18","modified_gmt":"2026-01-18T16:48:18","slug":"es-geht-nicht-um-sex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/2026\/01\/18\/es-geht-nicht-um-sex\/","title":{"rendered":"Es geht nicht um Sex"},"content":{"rendered":"\n<p>In Peter Milligans Kopf nahm die Idee zu <em><a href=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/neuheiten-shop\/comics\/comic-verlage-a-z\/panini-comics\/a-z-einzelbaende\/136671\/the-discipline-die-verfuehrung\">The Discipline<\/a><\/em> \u00fcber viele Jahre hinweg Gestalt an, beginnend zu einer Zeit, als er noch jung war und sich am Rande einer geheimen Gesellschaft w\u00e4hnte, die sich in den Schatten bewegt und Sex als transformatives Mittel einsetzt. Zumindest gaukelte ihm seine Phantasie vor, dass es eine solche Gruppe sein musste. Die Ausw\u00fcchse eines jungen, fiebrigen Verstands, die vergessen wurden, aber wieder zur\u00fcckkehrten. Milligan, der schon mit <em>The Extremist<\/em> \u00e4hnliche Themen beackert hatte, war davon fasziniert, diese Idee genauer zu untersuchen und herauszufinden, wohin seine Phantasie ihn tragen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Panini20180522discipline_verfuehrung_tpbJPG.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"762\" src=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Panini20180522discipline_verfuehrung_tpbJPG.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12905\" srcset=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Panini20180522discipline_verfuehrung_tpbJPG.jpg 500w, https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Panini20180522discipline_verfuehrung_tpbJPG-197x300.jpg 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Eigentlich war <em>The Discipline<\/em> als ein Projekt f\u00fcr Vertigo gedacht. Dort hatte Milligan \u00fcber die Jahrzehnte hinweg einige Geschichte platziert und ein ideales Umfeld gefunden. Seine neueste Idee erschien aber sogar den Vertigo-Machern zu gewagt. Vielleicht auch deswegen, weil sich der DC-Imprint in den letzten Jahren schon deutlich ver\u00e4ndert hat. Er wurde, wenn man das so sagen will, zahmer, weniger innovativ und auch weniger mutig. Aber immerhin war es Vertigo-Editor Will Denis, der Milligan den Zeichner Leandro Fernandez empfahl. Ihre erste gemeinsame Arbeit war die bei Vertigo erschienene Miniserie The Names, bei der eine Frau herausfinden will, wieso ihr Mann Selbstmord begangen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Milligan war sofort klar, dass er in Fernandez den idealen Partner f\u00fcr das hatte, was ihm mit dieser Geschichte vorschwebte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/images.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"182\" height=\"277\" src=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/images.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12906\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 23-j\u00e4hrige Melissa Peake. Sie ist reich verheiratet, ihr Mann ignoriert sie jedoch weitgehend, w\u00e4hrend ihre Schwester ihr wegen ihres Reichtums Vorw\u00fcrfe macht. Abgesehen von einer Freundin hat Melissa keine Vertraute, weswegen sie ihre Gedanken und Gef\u00fchle mit ihrem Hund Hemingway teilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sexuell und emotional unerf\u00fcllt, sucht sie jeden Tag das Museum auf und starrt eines der Bilder des spanischen K\u00fcnstlers Goya an. Es zeigt einen Satyr, der eine woll\u00fcstige Sch\u00f6nheit besteigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Just in diesem Moment spricht Orlando sie an. Er beginnt ein Spiel der Verf\u00fchrung, streng nach den Regeln der Discipline, eines uralten, nichtmenschlichen Ordens, der sich seit Jahrtausenden einen Kampf mit ihrem Gegenst\u00fcck, den Stalkers, liefert. Nun soll Melissa zu einem Mitglied der Discipline werden, doch je mehr sie sich Orlandos Verf\u00fchrungsk\u00fcnsten hingibt, desto mehr ger\u00e4t sie auch ins Zweifeln, ob sie sich in diesem Kampf zwischen Gut und B\u00f6se auch der richtigen Seite verschreibt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/gg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"182\" height=\"277\" src=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/gg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12907\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Milligan war es wichtig, mit Melissa Peake eine echte Frau zu erschaffen. Keine, wie sie ansonsten in der Welt der Comics existiert. Nicht mit breiten Schultern und muskelbepackt, zugleich aber auch mit riesigen Br\u00fcsten. In Leandro Fernandez fand er den idealen Komplizen f\u00fcr seine Vision. Er zeichnet Melissa schmal, weiblich, aber nicht \u00fcberzogen, eben echt. Authentisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide wollten aber noch weiter gehen. <em>The Discipline<\/em> ist eine Geschichte, in der sehr viel Sex vorkommt. Es wird, auf gut Deutsch gesagt, sehr viel gefickt. Das aber auf eine Art, die man so in Comics \u2013 oder generell in Werken der Popkultur \u2013 selten sieht. Milligan und Fernandez nutzen die Nacktheit nicht, um zu schockieren oder zu erregen. Sie setzen sie naturalistischer ein. Der sexuelle Akt in <em>The Discipline<\/em> ist nicht, wie Peter Milligan in seiner Einleitung erkl\u00e4rt, \u201eaus m\u00e4nnlicher pornofixierter Sichtweise erz\u00e4hlt, weil das schlichtweg unverantwortlich w\u00e4re\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist Sex ein wichtiger Bestandteil der Geschichte. Mehrheitlich losgel\u00f6st vom Gef\u00fchl der Liebe, auf den Akt als ritualisierte Form der Machtaus\u00fcbung konzentriert, was durch den Geheimbund, den Milligan ersonnen hat, noch akzentuiert wird. Denn erst durch den Sex erreichen die Rekruten der Discipline ihr volles Potenzial. Milligan greift hier Elemente so genannter Sexualmagie auf und nutzt sie im Kontext seiner okkulten Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr seine Geschichte hat Milligan einen vielfach interpretierbaren Titel gew\u00e4hlt. In erster Linie denkt man an die Disziplin, interessanter sind aber die veralteten Bedeutungen des Begriffs: Zucht, Manneszucht, Zucht und Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Begriffe, die zweifelhaft erscheinen, auch und gerade in Hinblick auf die mysteri\u00f6se Gruppe, die patriarchalisch aufgebaut ist. Es sind Frauen wie Melissa Peake, die rekrutiert und dann \u2013 so muss man das fast lesen \u2013 verheizt werden. Ein bisschen schwingt eine leicht misogyne Stimmung bei der Gruppe der Discipline mit, weil ein Aufbegehren, aber auch ein Beharren auf die eigene Individualit\u00e4t unterdr\u00fcckt werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit gelingt es Milligan nicht nur, die weiblich-feministische Seite seiner Protagonistin perfekt einzunehmen, sondern er erschafft auch eine Geschichte, bei der die Grenzen nicht flie\u00dfend, sondern schlichtweg nicht zu erkennen sind. Als Leser erlebt man mit, wie sowohl Mitglieder der Discipline als auch der Stalker b\u00f6se agieren, aber wer von beiden ist nun gut und wer ist b\u00f6se \u2013 oder sind am Ende beide einfach beides?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dieser ersten Geschichte kann man schon erahnen, dass Milligans Plan wohl darin besteht, diesen Konflikt auszuloten, indem er Melissa Peake als eine Art Katalysator nutzt. Ein Problem gibt es dabei jedoch: Die Fortsetzung, die Milligan schon Mitte 2016 in Aussicht gestellt hatte, l\u00e4sst auf sich warten. Die erste Miniserie mit sechs Heften erschien bis August 2016, seitdem hat man von einer Fortsetzung nichts mehr geh\u00f6rt. Dabei ist das Ende einigerma\u00dfen offen, zumindest so sehr, dass die tragende Geschichte nicht beendet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Argentinier Leandro Fernandez hat danach Greg Ruckas <em>The Old Guard<\/em>, das vor kurzem bei Splitter erschienen ist, illustriert. Auch hier soll es eine Fortsetzung geben, so dass sich die Frage nat\u00fcrlich ergibt, wann mit einem zweiten Volume von <em>The Discipline<\/em> zu rechnen ist, falls es \u00fcberhaupt jemals kommt. Aber vielleicht wird es ja noch was, da Fernandez sich ohnehin st\u00e4rker auf eigene Geschichten konzentrieren will, w\u00e4hrend er in den Jahren zuvor vor allem Marvel-Helden ins rechte Licht ger\u00fcckt hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/the-discipline-6_d02a230d32.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"290\" height=\"446\" src=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/the-discipline-6_d02a230d32.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12908\" srcset=\"https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/the-discipline-6_d02a230d32.jpg 290w, https:\/\/www.sammlerecke.de\/comicecke\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/the-discipline-6_d02a230d32-195x300.jpg 195w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der Brite Milligan, der im Mainstream ebenso zuhause ist wie bei den abseitigeren Stoffen, zieht Letzteres ganz klar vor. Das sp\u00fcrt man auch bei <em>The Discipline<\/em>, das von seiner ungest\u00fcmen Art, aber auch der Wirkungsweise an filmischen Okkult-Horror der 1970er Jahre erinnert, als Filmemacher begannen, mit Konventionen zu brechen und den Begriff \u201epolitisch korrekt\u201c gar nicht buchstabieren konnten. Das merkt man auch Milligans Werk, das von Fernandez in d\u00fcster-stimmigen Bildern mit ausdrucksstarken Perspektiven illustriert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig sind hier aber auch die Farben von Cris Peter, der die Palette eher dunkel anlegt, aber damit ausgesprochen viel Atmosph\u00e4re erzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte selbst dringt an dunkle Orte vor, ist in sich selbst, aber auch in ihrer manchmal fast schon delirierenden Darstellung schockierend und l\u00e4sst Obsessionen, aber auch Faszinationen seines Sch\u00f6pfers erahnen. <em>The Discipline<\/em> ist vielleicht eine von Milligans pers\u00f6nlichsten Arbeiten, weil sie so lange in ihm gereift ist und er Themen, die er schon vor mehr als 20 Jahren in <em>The Extremist<\/em> aufgegriffen hat, noch st\u00e4rker forcieren kann. Zugleich hatte er zu diesen Themen noch anderes zu sagen, weswegen sich eine neue Geschichte auftun musste.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Peter Milligans Kopf nahm die Idee zu The Discipline \u00fcber viele Jahre hinweg Gestalt an, beginnend zu einer Zeit, als er noch jung war und sich am Rande einer geheimen Gesellschaft w\u00e4hnte, die sich in den Schatten bewegt und Sex als transformatives Mittel einsetzt. 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